WAS
DEN MANN BETRIFFT..........
INFORMATIONEN
UND WEGLEITUNG
FÜR
PATIENTEN
MIT
UNERFÜLLTEM KINDERWUNSCH
Dr. med. Christian Sigg
Leitender Arzt des Instituts für
Dermatohistopathologie und Andrologie
Regensbergstrasse 91
8050 Zürich
Tel. 01/312 47 57
Fax 01/311 21 27
©
1997
Die kursiv
gesetzten medizinischen Fachausdrücke sind in Klammer deutsch übersetzt.
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Einführung
Vor
noch nicht allzu langer Zeit trugen selbst in westlichen und aufgeklärten
Zivilisationen die Frauen die Last und die Schuld an ungewollter
Kinderlosigkeit. Mit den zunehmenden Erkenntnissen um die Andrologie (Lehre von den Zeugungsstörungen des Mannes) hat sich
dieses Bild jedoch grundsätzlich gewandelt. Heute wissen wir, dass bei
ungewollter Kinderlosigkeit in 40 % die Ursache bei der Frau zu suchen ist, in
40 % männliche Faktoren entscheidend sind und in 20 % eine unglückliche
Kombination von männlichen und weiblichen Störungen die Ursache darstellt.
Weltweit findet sich ein - regional unterschiedlicher, jedoch oftmals
dramatischer - Rückgang der Samenqualität bei Männern, über dessen Ursache
vielfach spekuliert und intensiv geforscht wird. So ist es denkbar, dass der
Prozentsatz an Sterilitäten, der auf männliche Faktoren zurückzuführen
ist, in naher Zukunft weiter steigen wird.
Vorerst
gilt es klarzustellen, wann von ungewollter Kinderlosigkeit (Sterilität; in
der medizinischen Fachliteratur auch als Infertilität bezeichnet) gesprochen
werden kann: definitionsgemäss liegt eine Sterilität vor, wenn nach einem
Jahr ungeschütztem Geschlechtsverkehr keine Schwangerschaft eingetreten ist.
Es
ist leicht einzusehen, dass eine Sterilitätsbehandlung zwingend beide Partner
miteinbeziehen muss. Während sich die Gynäkologen
(Frauenärzte) um die weibliche Seite kümmern, ist es die Aufgabe der Andrologen
(Männerheilkunde), die vielfältigen und komplexen Störungen, die beim Mann
auftreten können, zu diagnostizieren
(erkennen) und allenfalls zu therapieren
(behandeln).
Die
ungewollte Kinderlosigkeit ist aber, unabhängig von der medizinischen
Ursache, ein Problem, das beide Partner gleichermassen betrifft, an dessen
Behandlung beide mitwirken müssen und unter derem emotionalen
(gefühlsbetonten) Stress beide Partner gleichermassen leiden.
Allein
die Tatsache, dass sich die erwünschte Schwangerschaft nicht einstellt,
verunsichert viele Männer tief. Eine sogenannte andrologische Untersuchung
ist damit für den Mann mit grossem Stress, mit Unsicherheiten und
gelegentlich auch Aengsten verbunden, denen es Rechnung zu tragen gilt.
Bekanntlich wird in einer Männergesellschaft ein derartiges Thema stark
tabuisiert oder aber - was noch weit schlimmer ist - im Rahmen von Männerphantasien
völlig falsch dargestellt. Erst im Laufe der Zeit erfahren viele Patienten,
dass sie mit diesem Problem keineswegs alleine dastehen: Rund 20 % der
Partnerschaften in unserem Lande sind ungewollt kinderlos!
Eine
Untersuchung beim Mann bei ungewollter Kinderlosigkeit hat zum Ziel, möglichst
alle Ursachen einer eventuellen Störung zu erfassen und - soweit möglich -
zu behandeln. Je besser ein Patient über das medizinische Prozedere (Vorgehen) aufgeklärt ist, das ihn erwartet, desto stressärmer
und effektiver gestaltet sich die ganze Abklärung.
Naturgemäss ist es nicht möglich, alle unangenehmen Situationen bei der körperlichen
Untersuchung und der Samengewinnung auszuschalten. Das vorliegende Buch soll
dem interessierten Patienten (Stichwort aufgeklärter Patient!) einen kurzen
Einblick in die Funktionsweise des männlichen Fortpflanzungssystemes ermöglichen
und die Arbeitsweise des Arztes, der sich mit Sterilitätsproblemen befasst,
eingehend darlegen. Besonders wichtig
ist es, dass Sie sich Fragen und Unklarheiten, die beim Durchlesen aufgetaucht
sind notieren, um sie gleich in der ersten Konsultation besprechen zu können!
Samenzellproduktion
Spermatozoen
(Samenzellen) werden in einem komplizierten Gangsystem in den beiden Hoden
produziert. Im Gegensatz zur Frau, die bei Geburt bereits in beiden Eierstöcken
eine grosse Zahl (400'000) von Eizellen angelegt hat, müssen die Samenzellen
in den Samenkanälchen ständig neu gebildet werden. Damit wird verständlich,
weshalb die Samenproduktion auf äussere Faktoren wie Infektionen, Medikamente
oder Röntgenstrahlen ungünstig reagieren kann. Die Samenkanälchen weisen
eine mehrschichtige Auskleidung durch verschiedene Zellen auf. Innerhalb von
rund drei Monaten wandern die zunächst aussenliegenden Zellen zur Mitte des
Samenkanälchens hin. Dabei vermindert sich ihr Gehalt an Erbsubstanz auf
einen einzigen Chromosomensatz (jede andere Zelle unseres Körpers besitzt
zwei derartige Chromosomensätze) und gleichzeitig ändert sich die Form der
Zelle: Die ursprünglich runde Vorstufe wird langgestreckt, zeigt einen
kleinen Kopf (der das Erbmaterial trägt), ein Mittelstück (Motor) sowie
einen auffallend langen Schwanz (Flagellum). Die Samenzellproduktion setzt mit
der Pubertät ein und dauert bis ins hohe Alter - oftmals unvermindert - fort.
Berücksichtigt man die Dauer der Samenzellbildung, ist es klar, weshalb in
der Vorgeschichte eines Patienten alle Ereignisse wie Krankheiten oder
Medikamenteneinnahme in den letzten drei Monaten von besonderem Interesse
sind.
Die
ständig neu gebildeten Samenzellen wandern nun in ein weiteres Gangsystem,
das dem Hoden direkt aufsitzt und als Nebenhoden (Epididymis) bezeichnet wird.
Dieser je zwei bis vier Meter lange (!) dicht aufgeknäuelte Ductus
(Gang) funktioniert als Ort der definitiven Ausreifung der Samenzellen wie
auch als Reservoir. Bei der Ejakulation
(Samenerguss) wird der grösste Teil der sich im Nebenhoden befindenden
Samenzellen über den Samenleiter, die Prostata und die Harnröhre innerhalb
von Sekundenbruchteilen ausgeschleudert. Dieser äusserst komplizierte Vorgang
funktioniert nicht jedesmal gleich perfekt, was erklärt, weshalb sich in der
Samenflüssigkeit oftmals unterschiedliche Mengen an Samenzellen finden.
Der
Hoden enthält aber nicht nur das oben beschriebene komplizierte Gangsystem,
in dem sich Samenzellen bilden, sondern zwischen diesen kleinsten Gängen auch
wichtige Zellen (Leydigzellen), deren Aufgabe es ist, das männliche Hormon
(Testosteron) zu bilden. Erst Testosteron, das mit der Pubertät gebildet
wird, ermöglicht das Muskelwachstum, den männlichen Behaarungstyp, die tiefe
Stimme und schliesslich auch die Samenzellproduktion. So beginnen in der
Pubertät unter Einfluss von Testosteron die Hoden, die vorher gewissermassen
stillgelegt sind, rasch auf ihre definitive Grösse zu wachsen. Dieses System
der hormonproduzierenden Zellen ist - im Gegensatz zum samenzellbildenden
System - vergleichsweise wenig störanfällig: bei den meisten Männern mit
einer verminderten Samenzellproduktion fanden sich normale Testosteronwerte.
Hormone
spielen nun die entscheidende Rolle für die Samenzellproduktion
(Spermatogenese). Die sogenannte Hirnanhangsdrüse (Hypophyse) bildet ein
Hormon, das als Follikel-Stimulierendes-Hormon FSH bekannt ist. Gleichzeitig
wird das sogenannte Luteinisierende Hormon LH gebildet. Während die beiden
Hormone bei der Frau zur Ausreifung von Eizellen führen, sind sie beim Mann für
die Ausbildung der Samenzellbildung verantwortlich. FSH stimuliert dabei
direkt die Samenkanälchen, LH dagegen ist gewissermassen die vorgesetzte
Kommandostelle für die Bildung von Testosteron
(männlichem Hormon). Selbstverständlich ist der Mechanismus der
Samenzellbildung, vor allem in hormonellen Wechselwirkungen, noch weitaus
komplizierter - eine eingehende Darstellung würde jedoch den Rahmen dieser
kleinen Schrift bei weitem sprengen!
Samenerguss (Ejakulation)
Wie
bereits aufgeführt, werden beim Samenerguss die im Nebenhoden (Epididymis)
gelagerten reifen Samenzellen ausgeschleudert. Sie gelangen dabei über den
Samenleiter zunächst in die Prostata wo sie zusammen mit Sekreten (Flüssigkeit) der Samenblasen (die hinter der Blase
liegen), der Prostata und anderen kleineren Drüsen ausgestossen werden. Diese
Flüssigkeiten machen rund 95 % der Samenflüssigkeit aus während die
eigentlichen Samenzellen nur 5 % des Volumens beanspruchen. Je mehr Zellen
jedoch in der Samenflüssigkeit schwimmen (normalerweise 1-7 ml, d. h., ca. 1
Teelöffel) desto milchig/weisser wirkt der Samen. (Damit ist auch klar, dass
nach einer Unterbindung (Durchtrennung des Samenleiters direkt oberhalb des
Nebenhodens) immer noch praktisch die gleiche Menge an Flüssigkeit
ausgestossen wird, der jedoch die eigentlichen Samenzellen nun fehlen).
Empfängnis (Konzeption)
Genau
betrachtet ist der Vorgang der Empfängnis und Befruchtung äusserst komplex:
Bedingung ist, dass möglichst zum Zeitpunkt des Eisprunges (Ovulation) Sperma
(Samen) in der Vagina deponiert wird. Von hier aus müssen nun die Samenzellen
aus eigener Kraft den Weg in die Gebärmutter, von dort über die Eileiter bis
hin zur Eizelle finden. Dabei müssen sie den dichten Schleimpfropf am Eingang
der Gebärmutter (Zervix) durchdringen und ihre Bewegungen so abstimmen, dass
eine Vorwärtsbewegung entsteht. (Samenzellen schlagen mit ihren langen Schwänzen
bekanntlich nur nach einer Seite - um ein ständiges Kreisen an Ort zu
verhindern, drehen sie sich um die eigene Achse, woraus eine Vorwärtsbewegung
resultiert) Normalerweise werden zwischen 40 bis 800 Millionen Samenzellen
ausgestossen - nur eines von
5'000 Spermatozoen erreicht die Gebärmutter und sogar nur eine von 100'000
Samenzellen schliesslich findet sich im Eileiter. Eine Befruchtung der Eizelle
im Eileiter ist aber nur möglich, wenn die Samenzellen zusätzlich gelernt
haben, eine Eizelle zu erkennen und in der Lage sind, ihre Hüllen aktiv zu
durchdringen. Der Fähigkeit der Samenzellen zur aktiven Vorwärtsbewegung,
zur Orientierung, zur Erkennung ihrer Umgebung und der Fähigkeit, aktiv in
eine Eizelle einzudringen, kommt verständlicherweise die grösste Bedeutung
zu.
Abklärung des Mannes bei ungewollter Kinderlosigkeit
Die
Zeugungsfähigkeit eines Mannes hängt davon ab, eine genügend grosse Zahl
von gesunden, reifen, funktionierenden Samenzellen zum Zeitpunkt des
Eisprunges im weiblichen Genitaltrakt deponieren zu können. Viele Faktoren können
diese Prozesse und Fähigkeiten stören, die es in einer sogenannten
andrologischen Abklärung zu untersuchen und zu erfassen gilt. Viele Männer fühlen
sich verständlicherweise durch derartige intime Befragungen und
Untersuchungen bedrängt und verunsichert. Es ist besonders wichtig, dass
diese Patienten ihr Unbehagen mit dem Partner und dem Arzt besprechen - nur so
kann die notwendige Vertrauensbasis geschaffen werden.
Bereits
aus der Vorgeschichte können sich wichtige Hinweise auf mögliche Störungen
ergeben. Informieren Sie deshalb Ihren Arzt, wenn zu einem der folgenden
Punkte Bemerkungen anzubringen sind:
¨
schwere Allgemeinerkrankungen
¨
Mumps nach der Pubertät
¨
Hodenverletzungen (zum Beispiel beim Sport)
¨
Leistenbruchoperationen
¨
Krampfadern
¨
ärztliche Behandlungen, weil einer oder beide
Hoden bei Geburt nicht im Hodensack waren
¨
Infektionen der Blase (Blasenentzündungen)
¨
Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus)
¨
Schilddrüsenerkrankungen
¨
Strahlenbehandlungen (Radiotherapie) oder
Chemotherapie wegen Krebs
¨
Geschlechtskrankheiten
¨
Nikotin, Alkohol oder Drogen
¨
mögliche Umweltgiftbelastungen
¨
Medikamenteneinnahme der Mutter während der
Schwangerschaft (besonders Oestrogen-Präparate)
¨
Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs
Medikamente, die bei Sterilität eine Rolle spielen
Eine
Reihe von Medikamenten und Chemikalien können die Samenzellfunktionen negativ
beeinflussen. Vor allem die Einnahme in den letzten Monaten vor der
Untersuchung oder aber eine langjährige Medikamenteneinahme sind hier von
Bedeutung.
Medikamente, die die Hormonproduktion stören:
¨
Antiandrogene:
Cimetidin, Zyklosporin, Spironolacton,
¨
Steroide:
Anabolika
¨
Prolaktin
produzierende Substanzen: Cimetidin, Methyldopa,
trizyklische Antidepressiva
¨
Missbräuchlich
verwendete Substanzen: Alkohol, Marihuana
Substanzen, die für Samenzellen toxisch (giftig) wirken:
¨
Chemotherapien:
alkylierende Substanzen, Cisplatin
¨
Antibiotika:
Nitrofurantoin,
¨
Pestizide:
Dibromchlorpropan
Medikamente, die die Ejakulation stören:
¨
Alpha-Blocker:
Phenoxibenzamine, Phentolamine, Prazosin, Terazosin
¨
Ganglienblocker:
Guanetidine, Methyldopa, Reserpide
Weitere Substanzen:
¨
Nikotin
¨
Kokain
¨
Betablocker
Körperliche Untersuchungen
Besonders
wichtig bei der körperlichen Untersuchung (die übrigens völlig schmerzlos
ist) ist die Untersuchung der Lage und Grösse von Hoden und Nebenhoden sowie
des Penis und der Leistenregion.
Die
unabdingbar notwendige Ultraschalluntersuchung gibt Aufschluss über die
effektive Hodengrösse, die Dichte des Hodengewebes, allfällige
Missbildungen, Zysten (Hohlräume)
oder Zeichen abgelaufener Entzündungen. Diese Untersuchung ist schmerzlos,
dauert verblüffend kurz, ist äusserst aussagekräftig und schadet dem
Hodengewebe nachgewiesenermassen in keiner Art und Weise.
Laboruntersuchungen
Die
neben der Befragung und körperlichen Untersuchung zur Verfügung stehenden
Laboruntersuchungen umfassen Blutteste, Samenanalysen und sogenannte
Spermatozoenfunktionstests. Die Palette der möglichen Untersuchungen ist
gross und es gilt, die notwendigen Untersuchungen zu veranlassen ohne einen
wesentlichen Aspekt zu übersehen und ohne andererseits eine unnötig lange
Liste von Laboruntersuchungen zu veranlassen.
Samenzelluntersuchungen
Im
Zentrum der Untersuchungen steht selbstverständlich die Analyse der Samenflüssigkeit.
Die alleinige Untersuchung einer Samenprobe ohne Befragung und ohne klinische
Untersuchung - wie es heute häufig praktiziert wird - ist aus ärztlicher
Sicht strikte abzulehnen, lassen sich doch auf Grund einer Laboruntersuchung
nicht genügend Hinweise für das weitere Vorgehen finden und sind
Fehldiagnosen durchaus möglich.
Ejakulierte
Samenzellen sind (noch) nicht in der Lage, eine Eizelle zu befruchten. Sie
besitzen eine Reihe von sogenannten Funktionen, die - in der richtigen
Reihenfolge ausgelöst - garantieren, dass die Zelle ihr Ziel auf möglichst
kurzem Wege erreicht und zu einer Verschmelzung des Erbmateriales mit der
Eizelle führt. Diese sogenannten Samenzellfunktionen setzen unmittelbar nach
dem Samenerguss ein. Sind sie nicht oder nur teilweise richtig ausgebildet,
ist es leicht verständlich, dass selbst eine enorm grosse Zahl von
Samenzellen nicht in der Lage ist, die Eizelle zu befruchten. Der Untersuchung
dieser sogenannten Funktionstests kommt deshalb grösste Bedeutung zu.
Da
die Samenzellfunktionen kurz nach dem Samenerguss einsetzen, ist es für den
Andrologen sehr wichtig, eine möglichst frische Samenprobe untersuchen zu können.
Deshalb wird die etwas ungewöhnliche Bitte an Sie gerichtet werden, eine
Samenprobe an Ort und Stelle (d.h. in einem separaten, abgeschlossenen und
ungestörten Raum der Praxis oder des Institutes) abzuliefern. Dies ermöglicht
es, die notwendigen Analysen innerhalb weniger Minuten nach dem Samenerguss zu
beginnen.
Verständlicherweise
gelingt es längst nicht allen Männern, dieser etwas eigenartigen
Aufforderung erfolgreich nachzukommen. Wird die Samenprobe zu Hause
produziert, sollte der Transportweg 30 bis 60 Minuten nicht übersteigen. In
idealer Weise wird die Probe dabei auf Körpertemperatur gehalten. Auch die
Samenabgabe unter Verwendung spezieller Kondome
(Präservative) ist möglich, (fragen Sie Ihren Arzt danach) Die
Verwendung normaler Kondome sollte vermieden werde, da ihre Innenseite mit
einer Substanz beschichtet ist, die die Beweglichkeit der Samenzellen zerstört.
Samenanalyse
Die
Samenanalyse umfasst eine ganze Reihe von Punkten die für den Arzt von
grosser Bedeutung sind:
1.
Das
Volumen der Samenflüssigkeit beträgt meist 1,5 -
7 ml (also etwa 1 Teelöffel voll). Ueblicherweise verdickt die Samenflüssigkeit
nach dem Samenerguss, um sich rund eine halbe Stunde später wieder vollständig
zu verflüssigen.
2.
Die Zahl
der Samenzellen wird heute mittels modernster
Techniken bestimmt, die es erlauben, mit grosser Sicherheit Samenzellen von
anderen Partikeln wie Bakterien und weissen Blutkörperchen oder
Samenzellvorstufen zu unterscheiden. Normalerweise beträgt die Samenzellzahl
40 - 850 Millionen. Liegt die Zahl tiefer, wird eine Schwangerschaft
unwahrscheinlich, liegt sie aber zu hoch, können ebenfalls Probleme
auftreten!
3.
Die Bestimmung der Samenzellbeweglichkeit
wurde in den vergangenen Jahren völlig revolutioniert. Unter Verwendung von
Videokameras sowie speziellen, an die Mikroskope angeschlossenen Computern
gelingt es, die äusserst komplexe Beweglichkeit der Samenzellen genau zu
analysieren. Samenzellen schlagen mit den Schwänzen zwischen 25 bis 30 Mal
pro Sekunde, gleichzeitig schlingern die Köpfe hin und her und es erfolgen
Drehungen um die eigene Achse. Die so zustande kommenden Schlangenbewegungen können
mittels Computeranalysen genau untersucht werden und geben wichtig Hinweise
auf allfällige Störungen der Flagellen
(Motoren) oder der Membrane
(spezielle Umhüllungen der Samenzellen)
4.
Das Aussehen der Samenzellen
ist ebenfalls von grossem Interesse: Menschliche Samenzellen gehören zu den
eher kleinen und sehr kompakten Varianten, verglichen mit vielen Tierspezies.
Die Köpfe laufen spitz zu und sind seitlich abgeplattet. Eine breite Palette
von Variationen von dieser sogenannten Normalform der nur rund 5 - 7
Tausendstel-Millimeter grossen Köpfe ist bekannt und muss zusätzlich in
mikroskopischen Untersuchungen festgehalten werden.
In
der Samenflüssigkeit lassen sich durch Bestimmungen sogenannter
Markersubstanzen Hinweise auf die Funktion der Prostata, der Samenblasen und
des Nebenhodens finden.
Alle
diese Analysen gehören zum Standard-Programm und sind in jedem Fall durchzuführen.
Zusätzliche Tests und sogenannte
Spermatozoen-Funktionstests.
Postkoital-Test
Der
sogenannte Postkoitaltest gibt Auskunft über die Fähigkeit der Samenzellen
im Schleim der Gebärmutter der Partnerin zu überleben und sich zu bewegen.
Dieser Test muss kurz vor oder zum Zeitpunkt des Eisprunges durchgeführt
werden, wenn der Schleim klar, farblos und fadenziehend ist. Nur jetzt ist es
den Samenzellen möglich, diese Schleimbarriere zu überwinden. Zwei bis zwölf
Stunden nach Geschlechtsverkehr wird eine Probe des Schleimes mikroskopisch
untersucht und die Zahl der Samenzellen sowie deren Beweglichkeit
festgehalten. Da die Aussagekraft dieses Testes vom korrekten Zeitpunkt abhängt,
sind gelegentlich mehrere Untersuchungen notwendig. Dieser Test kann Hinweise
auf Störungen der Spermienqualität geben oder aber auf Störungen des
Zervikalschleimes. Sind die Samenzellen unbeweglich, muss auch der Frage nach
Spermien-Antikörpern oder allergischen Reaktionen gegen die
Samenzellkomponenten nachgegangen werden.
Spermienantikörper-Test
Da
Samenzellen erst mit der Pubertät gebildet werden, stellen sie grundsätzlich
für den Körper eine fremde, das heisst nicht seit Geburt bekannte
Zellpopulation dar. Normalerweise sind die Samenzellen in den Hodenkanälchen
und im Nebenhoden gut geschützt vor dem Zugriff der weissen Blutkörperchen,
die allein in der Lage sind, gegen Eindringlinge jedwelcher Art (z.B.
Bakterien) sogenannte Antikörper zu bilden. Bei Hodenverletzungen, akuten
oder chronischen Infektionen, nach Hodenoperationen, Unterbindungen oder aber
gelegentlich auch ohne erkennbare Ursache finden sich Abwehrstoffe gegen
Samenzellen in der Samenflüssigkeit. Diese sogenannten Autoantikörper
(d.h. Abwehrstoffe, die der Körper gegen körpereigene Substanzen bildet)
sind nicht ein definitives Schwangerschaftshindernis, verursachen aber wegen
einer Beweglichkeitsstörung (die Antikörper haften auf der Oberfläche der
Samenzellen) grössere Probleme.
Computer gestützte Samenanalyse (CASA)
Erst
die mittels computergestützter Systeme durchgeführten Untersuchungen zur
Samenzellbeweglichkeit erlauben Einblick in die komplexen Abläufe, die
notwendig sind, um eine Befruchtung zu gewährleisten. Die Samenzellen können
auf ihrem Wege zur Eizelle in der Schleimhaut der Eileiter festkleben. Um sich
zu lösen, haben sie die Fähigkeit, während Sekundenbruchteilen ihre
Schlagfrequenz um das zwanzigfache (Hyperaktivation ) zu steigern. Nur wenn
die Zellen diese Fähigkeit tatsächlich besitzen, ist gewährleistet, dass
eine genügend grosse Zahl ihr Ziel erreicht. Diese sogenannte Hyperaktivation
kann vom Auge im Mikroskop nicht erkannt werden und ist erst unter Verwendung
der computergestützten Systeme nachweisbar.
Membranfunktionen
Jede
Samenzelle ist von einer Hülle umgeben, die ihrerseits als eigentliche Haut
bestimmte Funktionen zu erfüllen hat. Mittels zusätzlicher Tests gelingt es
zu bestimmen, ob diese Haut intakt ist, ob sie allenfalls zu leicht
verletzlich ist und ob sie schliesslich ihre Aufgaben vollumfänglich
wahrnimmt. (sogenannter Hyposmolarer Schwelltest)
Akrosomen-Reaktionen
Der
Kopf der Samenzellen wird - wie oben aufgeführt - von einer eigentlichen Haut
umgeben. Darunter liegt eine dünne Schicht von sogenannten Enzymen, die zur
Durchdringung der Eizellhülle notwendig sind. Die Kunst der Samenzellen
besteht nun darin, diese wichtigen Stoffe zum richtigen Zeitpunkt, das heisst
nicht zu früh (wenn noch keine Eizelle erreicht ist) oder aber gar nicht
freizusetzen. Routinemässig durchgeführte Labortests erlauben festzustellen,
ob diese Reaktion und zu welchem Zeitpunkt sie einsetzt.
Reaktive Sauerstoffspezies (ROS)
Der
hohe Gehalt an sogenannten ungesättigten Fettsäuren der Samenzellhüllen
macht diese Zellart wie kaum eine andere in unserem Körper anfällig für
sogenannten reaktive Sauerstoffspezies. Es handelt sich dabei um
Stoffwechselprodukte, die sowohl von den Samenzellen als auch von weissen
Blutkörperchen stammen können. Gelingt es, die Ursachen für die Bildung
dieser ROS zu eliminieren oder aber die Sauerstoffspezies selber zu binden,
sind die Chancen auf eine Befruchtung wiederum praktisch intakt.
Penetrations-Tests
Wie
beim sogenannten Postkoitaltest bereits erwähnt, müssen die Samenzellen den
Schleim der Gebärmutter durchdringen können. Dazu sind gewisse biochemische
Eigenschaften wie auch ein bestimmtes Bewegungsmuster der Zellen notwendig. Im
Labor ist es möglich, die Samenzellen in einer Substanz schwimmen zu lassen,
die derjenigen des Gebärmutterschleims entspricht. So lassen sich Hinweise
darauf finden, ob die Samenzellbeweglichkeit genügend ist als auch - bei
einem schlechten Resultat im Postkoitaltest - auf den Ursprung der Störung
(bei der Partnerin).
Bestimmung der weissen Blutkörperchen in der Samenflüssigkeit
Die
Samenflüssigkeit enthält in der Regel nur eine geringe Zahl von weissen
Blutkörperchen. Ist ihre Zahl vermehrt, weist dies auf einen Infekt hin oder
aber sie können die Ursache für eine Beweglichkeitsstörung der Samenzellen
bilden, da die weissen Blutkörperchen mit ihren Stoffwechselprodukten (ROS)
sich ungünstig auswirken. Spezielle Färbemethoden erlauben die
Unterscheidung von weissen Blutkörperchen von den - in der Grösse und Form
fast identischen - unreifen Samenzellen.
Bakteriologische Untersuchungen (Suche nach fremden
Keimen)
Die
Samenflüssigkeit, die auf ihrem Weg auch die Harnröhre passiert, ist kaum je
völlig frei von Bakterien. Uebersteigt die Konzentration dieser Bakterien
jedoch eine kritisches Ausmass oder aber finden sich bestimmte, normalerweise
nicht vorkommende Bakterienarten, ist die Chance auf eine Befruchtung deutlich
vermindert. Routinemässige sogenannte bakteriologische Untersuchungen sind
deshalb angezeigt.
Weshalb mindesten zwei
Samenuntersuchungen?
Von wenigen
Ausnahmen abgesehen wird ihr Arzt sie einige Wochen nach der ersten
Samenuntersuchung zu einer zweiten Konsultation bestellen. Dies ist durch
die Tatsache begründet, dass beim Menschen die Zahl der Samenzellen als
auch ihre Funktionen von einem Samenerguss zum andern sich massiv
unterscheiden können. Statistisch betrachtet wären mindestens zehn
Untersuchungen notwendig, um wirklich fehlerfreie Auswertungen liefern zu können
- international hat man sich aber auf zwei Untersuchungen geeinigt, die
recht zuverlässig die Bandbreite der Schwankungen abschätzen lassen.
Ursachen und Behandlungen der männlichen Sterilität
Hodenerkrankungen
Die
samenproduzierenden Kanälchen stellen ein äusserst störanfälliges und
komplexes Gebilde dar, das durch verschiedene Umstände nachhaltig gestört
werden kann. In erster Linie sind hier erhöhte Körpertemperaturen anzuführen,
wie sie dann entstehen, wenn der Hoden nicht während der Embryonalentwicklung
in den Hodensack absteigt, sondern in der Bauchhöhle verbleibt. Erfolgt eine
medikamentöse oder operative Korrektur dieses Zustandes erst nach dem zweiten
Lebensjahr, können bleibende Störungen der Samenzellbildung resultieren.
Aber auch hormonelle Störungen (Unterfunktionen), Viruserkrankungen wie Mumps
nach der Pubertät oder andere Infektionskrankheiten können zu einer
Produktionsstörung führen. Ausdrücklich sind hier die sogenannten Chemotherapien
(Krebsbehandlungen) zu erwähnen, die neben den anderen sich rasch teilenden
Geweben wie Haare und Blut auch den Hoden schädigen können.
Umweltbelastungen
Die
Samenproduktion kann durch Umweltbedingungen - dies steht heute eindeutig fest
- belastet werden. Nikotin beim Zigarettenrauchen vermag die Hormonproduktion
der Hoden zu vermindern, und führt (allerdings nicht in allen Fällen) zu
abnorm geformten Samenzellen und verminderter Samenzellbeweglichkeit.
Langdauernder Marihuana-Genuss kann ebenfalls die Zeugungsfähigkeit
reduzieren. Der Genuss grösserer Mengen von Alkohol ist geeignet, neben
Potenzstörungen auch zur Sterilität zu führen.
Ueber
die Bedeutung der zahlreichen, in der Umwelt vorhandenen, wie Oestrogene (weibliche Hormone) wirkenden Substanzen herrscht noch keine
Klarheit. Studien aus dem Tierreich zeigen allerdings, dass hier ein beträchtlicher
Störfaktor vorliegt, der möglicherweise auch für die weltweit zu
beobachtende Abnahme der Samenzelldichte in den letzten 50 Jahren
verantwortlich ist.
Störungen der Hormonproduktion und - Wirkung
Wie
viele andere Organe brauchen die Hoden eine Stimulation
(Befehl), die sie auf dem Wege über Hormone erhalten. Bekanntlich
produziert der Hoden unter Einwirkung der übergeordneten Hormone der
Hirnanhangsdrüse selber das sogenannte Testosteron
(männliches Hormon). Die Samenzellproduktion dagegen wird durch das Hypophysenhormon
(Hirnanhangsdrüsenhormon) FSH stimuliert. Wird nun zuwenig von diesem
Hormon produziert oder aber ist seine Wirkung am Zielort ungenügend, kann
eine Hormonbehandlung erfolgreich durchgeführt werden. Dabei wird FSH selber
oder aber andere Medikamente, die die Wirkung von FSH zu steigern vermögen,
eingesetzt. Hormonuntersuchungen sind somit in vielen Fällen von männlicher
Sterilität unbedingt notwendig und stellen eine Voraussetzung für die spätere
Therapie dar.
Krampfaderbildung am Hoden (Varikozele)
Ca
15 % aller Männer zeigen einen „Konstruktionsfehler“, indem die Klappen
in den Venen fehlen, die das Blut vom Hoden zurückführen. Durch das Versagen
dieser Ventile ist es möglich, dass im Stehen Blut zurückfliesst und sich am
tiefsten Punkt, d.h. im Hodensack, staut. Damit steigt die Temperatur im Hoden
um 0,5 - 1 °C - ein Umstand, der für die Samenzellproduktion ungünstig ist,
muss doch die Temperatur dabei knapp unterhalb der Körpertemperatur liegen,
(aus diesem Grunde befinden sich die Hoden nicht (geschützt) in der Bauchhöhle
sondern eben (exponiert) ausserhalb des Körpers).
Nicht
alle Männer mit einer sogenannten Varikozele leiden unter Störungen der
Samenzellfunktionen. In eingehenden Untersuchungen gelingt es aber, diejenigen
Patienten zu identifizieren, bei denen eine Behandlung (Operation) die
Zeugungsfähigkeit wiederherstellen kann.
Spermatozoenautoantikörper
(Abwehrstoffe gegen Samenzellen)
Da
Samenzellen erst nach der Pubertät produziert werden, ist unser Immunsystem
(Abwehrsystem) in der Lage, die Samenzellen als fremd zu erkennen und gegen
diese Zellart sogenannte Antikörper
(Abwehrstoffe) zu produzieren. Diese Antikörper stellen ein relatives
Hindernis dar, d.h. sie können die Chance auf eine Schwangerschaft
herabsetzen, in der Regel jedoch nicht vollständig aufheben. Da die Ursache
in Verletzungen, Infektionen oder aber eben auch in einer Krampfader zu suchen
ist, sind eingehende Abklärungen angezeigt. Die Behandlung dieser Antikörper
besteht meist in der Gabe von Kortison oder aber anderer Substanzen, wie sie
auch bei Allergien eingesetzt werden. Führen diese Massnahmen nicht zum Ziel,
können die Samenzellen von den Antikörpern freigewaschen und direkt in die
Gebärmutter gespritzt werden.
Störungen der abführenden Samenwege
Hält
man sich vor Augen, dass der Nebenhoden aus einem aufgeknäuelten, zwei bis
vier Meter langen Gangsystem besteht, kann man sich eine ungefähre
Vorstellungen davon machen, wie fein dieses Gebilde aufgebaut sein muss. Die
Samenzellen passieren den Nebenhoden als Ort der Ausreifung und als Reservoir.
Bereits geringste Entzündungen dieses Gangsystemes können zu Verklebungen
und damit zu einer sogenannten Verschluss-Situation führen, wie sie aber auch
im weiteren Verlaufe der abführenden Samenwege (Samenleiter, Prostata)
auftreten kann.
Gelegentlich
aber ist dieses Gangsystem von Geburt her nicht richtig angelegt und es fehlen
einzelne Abschnitte. Mittels Samenanalysen, Blutuntersuchungen und
gelegentlich auch kleinen operativen Eingriffen kann die Situation aufgeklärt
werden und sind oft auch chirurgische Behandlungsmöglichkeiten anzubieten.
Eine spezielle Situation stellt der Zustand nach einer Unterbindung dar:
Dabei
wird künstlich der Samenleiter durchtrennt, um eine definitive
Schwangerschaftsverhütung zu erzielen. Nicht selten besteht später der
Wunsch, diesen Zustand wieder rückgängig zu machen. Heute gelingt es in bis
zu 80 % der Fälle diese Unterbrechung operativ wiederherzustellen. Allerdings
sind nur die Hälfte der Männer, bei denen sich nach diesen
Rekonstruktionsoperationen Samenzellen in der Samenflüssigkeit finden, tatsächlich
auch zeugungsfähig. Dies hängt in erster Linie mit dem Auftreten der Antikörper
zusammen, die fast obligat nach einer Unterbindung nachweisbar sind. Der
Effekt einer Unterbindung (nämlich die Zeugungsunfähigkeit), lässt sich
somit nur in rund der Hälfte der Fälle wieder rückgängig machen - ein
derartiger Schritt muss deshalb wohl überlegt sein.
Infektionen
Im
Zeitalter von Aids und auch unter dem Einfluss der modernen Antibiotika haben Syphilis
(Lues) und Gonorrhö (Tripper) in der westlichen Welt ihre Bedeutung weitgehend
verloren. Andere Infektionen der ableitenden Samenwege durch sogenannte
Chlamydien oder Ureaplasmen dagegen sind ganz offensichtlich von grösster
Bedeutung für Störungen, die im Zusammenhang mit der Zeugungsunfähigkeit
stehen. Eingehende diesbezügliche Abklärungen sind in jedem Falle einer
Sterilität angezeigt und werden routinemässig durchgeführt. Bei
entsprechenden Befunden sind antibiotischen Therapien anzuschliessen, die in
aller Regel beide Partner betreffen müssen. („Ping-Pong-Effekt“)
Ejakulationsstörungen
Ein
vorzeitiger Samenerguss erfolgt oftmals ausserhalb der Scheide und beeinträchtigt
damit die Chancen auf eine Zeugung. Die allgemeingültige Definition des frühzeitigen
Samenergusses ist schwierig, dann jedoch erfüllt, wenn nicht beide Partner
(also auch die Frau), auf ihre Kosten kommen. Heute stehen sehr wirksame
Medikamente zur Verfügung, um dieses Verhalten günstig zu beeinflussen.
Im
Gegensatz dazu stellt der verzögerte Samenerguss ein Problem dar, das oftmals
eine tiefer greifende sexualmedizinische Abklärung erfordert. Grundsätzlich
lohnt es sich, mit der behandelnden Aerztin oder dem Arzt die Situation zu
besprechen - gelegentlich finden sich auch Hinweise auf eine versteckte
Infektion, die es zu behandeln gilt.
Stress
Stress
vermag allgemein, unabhängig davon, ob er beruflich oder anderweitig bedingt
ist, das sexuelle Verlangen, die Erektion und auch die Ejakulation zu beeinträchtigen.
Erstaunlicherweise zeigten grosse moderne Studien, dass die Samenqualität
unter dem Stress nicht leidet, im Gegenteil: Es findet sich sogar eher eine
Verbesserung der Samenqualität!
Der
unerfüllte Kinderwunsch an sich stellt eine Stress-Situation für das Paar
dar, was wiederum vor allem bei Männern zu Potenzstörungen und Beeinträchtigung
des sexuellen Verlangens (Libido) führen kann. Es ist sowohl Aufgabe des
Arztes als auch des Patienten, dieser Situation Rechnung zu tragen und ein
Unbehagen bei den Abklärungen und eventuellen Therapien klar anzusprechen. Je
offener und klarer die Probleme zur Sprache kommen desto einfacher ist es für
alle Parteien, raschmöglichst und stressfrei zum erwünschten Ziel zu kommen.
Behandlungsmöglichkeiten
Nach
den eingehenden körperlichen und laborchemischen Untersuchungen ist es möglich,
ein Konzept für die Behandlung zu erstellen. Zwingend muss dieses Konzept mit
dem behandelnden Gynäkologen besprochen werden, gilt es doch, die Einflüsse
„der anderen Seite“ in die Ueberlegungen mit einzubeziehen.
Relativ
einfach und erfolgreich gestaltet sich die Behandlung bei nachgewiesenen Infektionen
oder chronischen Entzündungen sowohl des Hodens als auch der ableitenden
Samenwege.
Die
Therapie der sogenannten Autoantikörper
besteht in niedrig dosierten Kortisongaben oder aber in Medikamenten, die wie
sie bei Allergien eingesetzt werden. Bei ungenügendem Ansprechen kann
durchaus auf eine Samenübertragung (Insemination) nach sogenannter Waschung
(Entfernung der Antikörper) zurückgegriffen werden.
In
den meisten Fällen der Abklärung beim Manne (andrologische Untersuchung)
findet sich aber eine Einschränkung der Samenzellzahl, der Beweglichkeit und
der Funktion, für die sich keine
eigentliche Ursache finden lässt. Hier werden mit einigem Erfolg
Behandlungen eingesetzt, deren Grundlagen noch nicht vollständig erarbeitet
sind und die deshalb als „empirisch“ zu gelten haben. Hormonpräparate
(FSH), Blockierung der weiblichen Hormonwirkungen (Tamoxifen), Stimulation mit
männlichen Hormonen (Testosterone), Beeinflussung der
Beweglichkeitscharakteristik mittels verschiedener Substanzen und schliesslich
Blockierung der sogenannten reaktiven Sauerstoffspezies können einzeln oder
in Kombination zum Einsatz kommen. Grundsätzlich bleibt festzuhalten, dass
jede sogenannte andrologische Therapie (mit Ausnahme der
Infektionsbehandlungen) mindestens drei Monate (das heisst einen
Samenzellzyklus) zu dauern hat. Ueber die zu erwartenden Wirkungen,
Nebenwirkungen und das weitere Vorgehen wird Sie Ihr Arzt nach den durchgeführten
Analysen eingehend informieren.
Insemination
Bei
den Samenübertragungen (Insemination) wird den Samenzellen der Weg zur
Eizelle verkürzt und vereinfacht. Dabei kann die Samenflüssigkeit direkt vor
der Gebärmutter mittels einer sogenannten Kappe deponiert werden, oder aber -
noch effektiver - die Samenzellen werden in die Gebärmutter eingebracht. Da
unter keinen Umständen Samenflüssigkeit in die Gebärmutter gelangen darf
(was natürlicherweise auch nicht geschieht und - falls doch zutreffend, bis
zur Schockwirkung gehen kann) müssen die Samenzellen bei der intrauterinen
Insemination von der Samenflüssigkeit getrennt werden. Dazu stehen
verschiedene einfache und effektive Verfahren zur Verfügung.
Eine
Samenübertragung (Insemination) ist aber nur dann sinnvoll, wenn eine
Mindestzahl gut beweglicher Samenzellen (mindestens 2 bis 4 Millionen) in der
Aufbereitung isoliert werden kann.
Assistierte Reproduktionsmedizin ART
Seitdem
es möglich ist, reife Eizellen aus den Eierstöcken durch Punktion zu
gewinnen, ist es auch möglich, mit nur ganz wenigen Samenzellen zu einer
Schwangerschaft zu kommen. Dabei werden Samenzellen und Eizellen ausserhalb
des Körpers, d.h. im Glas (in vitro) zusammengegeben. Dies bedingt bei der
Partnerin eine vorgängige Hormonstimulation und Eizellpunktion, die nur dem
Spezialisten vorbehalten bleibt. Sind sogar nur einige wenige Samenzellen
vorhanden, können diese direkt und einzeln in eine Eizelle eingespritzt
werden. (sogenannte Mikromanipulation oder Mikroinjektion ICSI)
Die
assistierte Reproduktionsmedizin ist Fällen mit nicht behandelbaren
schwersten Störungen der Samenzellproduktion oder aber Fällen vorbehalten,
bei denen die vorgängigen sogenannten klassischen Behandlungen nicht zum Ziel
geführt haben. Ueber die zu erwartenden Risiken und Chancen muss vor solchen
Behandlungen eingehend informiert werden. Ihr Arzt stellt Ihnen gerne zusätzliches
Informationsmaterial zur Verfügung.
Fertilität nach 40
Es
ist eine biologische Tatsache, dass die Zeugungsfähigkeit im Alter abnimmt:
Die Chancen, in jedem Monat schwanger zu werden, beträgt für eine Frau unter
30 Jahren 20 %, für Frauen über 40 Jahren jedoch nur mehr 5 %. Veränderte
medizinische Bedingungen, Veränderung der Eierstockfunktionen und
Alterungsprozesse der Eizellen sind hier als Ursachen anzuführen.
Alterungsprozesse
der Keimzellen betreffen jedoch nicht nur die Frauen. Obschon es bei den Männern
keine eigentliche Abänderung (Klimakterium) gibt, sind altersabhängige
Abnahme der Samenzellzahl und der Beweglichkeiten durchaus bekannt. Berühmte
Ausnahmen wie Charlie Chaplin, Pablo Picasso oder Gary Grant bestätigen die
Regel mehr, als dass sie sie wiederlegen. Die sexuellen Funktionen im Alter
nehmen deutlich ab, was mit einer Abnahme des männlichen Hormones zusammenhängt.
Chromosomale Veränderungen (Störungen
der Erbsubstanzen) treten aber durchaus auch altersabhängig bei Männern auf,
sodass die American Society for Transplantation Samenzellspender über 45
Jahre nicht mehr akzeptiert. Grundsätzlich gilt es, sogenannte ältere Väter
(45 - 50-jährig und darüber) eingehend zu beraten und allenfalls auch zusätzliche
Untersuchungen vorzunehmen.
Fertilität nach Krebsbehandlung
Viele
Krebsformen lassen sich heute glücklicherweise erfolgreich behandeln und mehr
und mehr Männer, die ihre schwere Krebserkrankung dank der modernen Medizin
überlebt haben, stehen später vor der Frage, ob sie nun Kinder wollen.
Krebs
gefährdet das Leben seines Trägers durch eine rasche Vermehrung der Zellen
und Absiedelung in den verschiedensten Organen. Die Krebsbehandlung zielt
darauf, die Krebszellen zu entfernen. Soweit möglich geschieht dies durch
operative Eingriffe, gelegentlich aber eignet sich die Stelle nicht für eine
Operation (z.B. Hirntumoren) oder aber die Zellen sind bereits so weit im Körper
verteilt, dass andere Mittel zum Einsatz kommen müssen. Hier greift die Röntgenbehandlung
(Radiotherapie) oder aber auch die sogenannte Chemotherapie. Mit beiden
Methoden können die Krebszellen am Wachsen gehindert und vernichtet werden.
Unglücklicherweise können diese Substanzen nun aber auch andere rasch
wachsende und empfindliche Gewebe wie Knochenmark, Haare oder aber eben die
samenzellbildenden Kanälchen zerstören. Manchmal müssen die sogenannten
Lymphknoten, da mit Krebszellen befallen, operativ entfernt werden. Betrifft
dies die Lymphknoten im Beckenbereich, können dabei auch unbeabsichtigt
Nervenzellen zerstört werden, die für die Erektion und Ejakulation notwendig
sind.
Obschon
in vielen Fällen das Keimgewebe sich wieder erholt, können sowohl
Radiotherapie wie auch gewisse Chemotherapien (Zyklophosphamide, Chlorambuzil,
Busulfan, Vinblastin) zu bleibenden Schäden der Samenzellbildung führen.
Betroffen sind vor allem Patienten mit Knochensarkomen, sogenannter
Hodgkin’scher Krankheit, Lymphdrüsenkrebsen oder Blutkrebs.
Bei
den heutigen exzellenten Methoden der assistierten Reproduktionsmedizin ist
unbedingt jedem Krebspatienten zwischen 15 bis 40 Jahren eine sogenannte Kryokonservierung
(Kältekonservierung) von Samenzellen zu empfehlen. Gelingt es damit, auch nur
einige wenige Samenzellen zu erhalten, können mittels Mikroinjektion später
Schwangerschaften erzielt werden.
Der emotionale Stress bei ungewollter Kinderlosigkeit
Anfänglich
reagieren viele Paare, nachdem die Diagnose der Infertilität (ungewollte Kinderlosigkeit) feststeht, mit einem
Schock: Nachdem während vieler Jahre der Gedanke an eigene Kinder vorhanden
war, hat diese Diagnose die Pläne dramatisch gestört.
Nach
dieser ersten Schockphase reagieren viele Patienten mit einer Verneinung der
Situation („dies kann uns einfach nicht passieren“) und lehnen das Problem
wie auch eine Diskussion oder eine Abklärung grundsätzlich ab. Diese Phase
wird erst dann zu einem Problem, wenn sie lange andauert und den Patienten
verunmöglicht, sich mit der Realität auseinanderzusetzen.
Schuldgefühle,
auch gegenüber dem Partner, können später auftreten und werden von vielen
Paaren beschrieben. Auch Wut und Enttäuschung begleiten die Empfindungen, die
schliesslich nicht selten in eigentlichen Depressionen und in einer Isolation
enden. Die Paare fühlen sich zu Recht allein gelassen, die zahlreichen gut
gemeinten aber sinnlosen Ratschläge von Freunden und Bekannten helfen
selbstverständlich nicht weiter, sondern verstärken das Gefühl der
Hilflosigkeit. Für viele Paar stellt die Tatsache, dass ihnen die Kontrolle
über ihre Lebensplanung entzogen wurde, den traumatischsten Teil der
schlimmen Erfahrung des unerfüllten Kinderwunsches dar.
Die
Situation der Sterilität kann unter Umständen das Zusammenleben nachhaltig
und negativ beeinflussen: Im Gespräch werden gewisse Themen nicht mehr
angeschnitten, die Isolation verstärkt sich für jeden Einzelnen weiter.
Nicht selten berichten die Paare über unangenehme Beeinträchtigung des
Sexuallebens, und zwar sowohl vor als auch vor allem während ärztlicher
Behandlungen.
Wie mit dem unerfüllten Kinderwunsch umgehen?
Verschiedene
Schritte und Massnahmen helfen den Stress bei der Sterilität abzubauen.
Zuerst gilt es, sich daran zu erinnern, dass Sie und Ihr Partner verschiedene
Menschen sind mit unterschiedlichem Lebensstil und unterschiedlichen Gefühlen.
Sie können nicht erwarten, dass der Ehepartner gleich fühlt und denkt wie
Sie selber.
¨
Beschaffen Sie sich Informationen
¨
Informieren Sie sich über Sterilität und
Behandlungsmöglichkeiten.
¨
Lernen Sie mehr über Ihren Körper und wie er
funktioniert.
¨
Fragen Sie Ihren Arzt um mehr Informationen und
lesen Sie Bücher und Artikel über Sterilität.
¨
Dies alles hilft Ihnen, die Arbeitsweise Ihrer
Aerzte besser zu verstehen und mitzuarbeiten. Vor allem das Gespräch mit
anderen Betroffenen oder mit sogenannten Selbsterfahrungsgruppen kann
Entlastung bringen.
¨
Teilen Sie ihre Gefühle mit
¨
Freundschaften sind in dieser Zeit von
besonderer Bedeutung.
¨
Viele Ihrer Freunde, Bekannten und Verwandten,
wissen nicht, wie es um Sie steht und reagieren möglicherweise auch mit
Ablehnung. Erwarten Sie nicht, dass jedermann Ihr Problem mittragen hilft,
doch scheuen Sie sich nicht, Ihre Gefühle zu zeigen und Hilfe zu erwarten.
¨
Versuchen Sie, Ihre Gefühle zu akzeptieren und
die Wut nicht gegen sich selbst zu richten.
¨
Akzeptieren Sie auch eigene Gefühlsschwankungen.
¨
Viele Dinge vermögen Sie möglicherweise zu stören:
Die Geburt eines Kindes von Freunden, Mitteilungen über Schwangerschaften
anderer oder sogar Fernsehsendungen können Emotionen auslösen. Gehen Sie
diesen Situationen ruhig aus dem Wege, wenn Sie sich überfordert fühlen.
Grenzen setzen
Sie
und Ihre Partnerin müssen sich unbedingt während der Behandlung klare
Grenzen setzen. Entscheiden Sie selber, welche Behandlungen versucht werden
sollen und welche für Sie gar nicht erst in Frage kommen. Manchmal braucht es
scheinbar Mut, eine vorgeschlagene oder gar eingeleitete Behandlung
abzubrechen - halten Sie sich jedoch stets vor Augen, dass das Ziel Ihres
Arztes ist, Ihnen zu helfen, nicht eine Schwangerschaft um jeden Preis zu
erzielen!
Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es denn wirklich?
Grundsätzlich
sollten Sie sich über verschiedene Situationen informieren:
¨
Medikamentöse Behandlungen des einen oder
beider Partner.
¨
Operative Therapien verschiedener Situationen
¨
Assistierte Reproduktionsmedizin
¨
Samenzellspender
¨
Adoption
¨
ein Leben ohne Kinder
Was fragen Sie Ihren Arzt?
Vor
einer allfälligen Behandlung sollte nicht nur der Arzt Ihnen Erklärungen
abgeben sondern Sie sollten auch die Möglichkeit nutzen, Fragen zu stellen um
Unklarheiten auszuräumen:
¨
in welchem Grad wird die geplante Behandlung die
Chance auf eine Schwangerschaft verbessern?
¨
Welches sind die möglichen Nebenwirkungen und
Risiken, die dabei eingegangen werden?
¨
Wie lange wird die Behandlung dauern und wie
lange der positive Effekt anhalten?
¨
Werden mit dieser Behandlung andere Methoden
ausgeschlossen?
¨
Was kostet die Behandlung und wer kommt für sie
auf?
Sich
mit der ungewollten Kinderlosigkeit zu beschäftigen ist sicher nicht einfach.
Durch eingehende Informationen und Gespräche kann die Situation erträglicher
gestaltet werden und gerade derartige schwierige Situationen führen Paar
oftmals näher zusammen. Neben all den Ungewissheiten muss man sich vor Augen
halten, dass Geduld, positive Einstellung und eine entsprechende Behandlung
vielen Paaren schliesslich doch zur Elternschaft verhelfen.
Glossar (Fachausrücke)