F Seelische Bewältigung der Unfruchtbarkeit
Unfruchtbarkeit kann bei den Betroffenen eine tiefe Krise auslösen, die nicht nur die Partnerbeziehung beeinträchtigt, sondern Auswirkungen auf alle Lebensbereiche des Paares bzw. der einzelnen Partner hat.

Die Betroffenen stellen ihr Selbstwertgefühl in Frage; Zukunftsträume, die Beziehung zu den Eltern, Freunden und Kollegen können in Mitleidenschaft gezogen werden. Kaum eine Krise ist so tiefgreifend und so schwierig zu bewältigen. Dennoch wird oft den physiologischen Aspekten der Sterilität die meiste Aufmerksamkeit geschenkt.

Die emotionalen Auswirkungen hingegen werden ausser acht gelassen. Als Folge davon bleiben die meisten Betroffenen mit ihrem tiefen Leid allein und verstärken so den Stress, was wiederum den Behandlungserfolg negativ beeinflussen kann. Die Sterilitätstherapie ist, unabhängig von der jeweiligen Behandlungsmethode, heute äusserst erfolgreich (die durch Behandlungen erzielten Schwangerschaftsraten sind mit den natürlichen Schwangerschaftsraten vergleichbar). Ungewollt kinderlose Paare sollten sich jedoch darüber im Klaren sein, dass je nachdem, welches spezielle Problem sie haben, eine Schwangerschaft niemals garantiert werden kann.

Sowohl die medizinischen als auch die persönlichen Probleme im Zusammenhang mit Unfruchtbarkeit zu kennen und zu verstehen, kann den Paaren helfen, die Situation zu bewältigen und auch für den Fall, dass keine Schwangerschaft eintritt, eine Lösung zu finden. Manche werden sich dafür entscheiden, die Behandlung auch nach mehreren erfolglosen Behandlungszyklen fortzusetzen, für andere kann die Antwort in einer Adoption oder in der bewussten Entscheidung für ein Leben ohne Kind liegen. Egal wie die Paare das Problem der Unfruchtbarkeit lösen, sollten sie sich bewusst sein, dass sie auf dem Weg von der Erkenntnis bis zur Lösung verschiedene Phasen durchlaufen, wobei jede Phase von speziellen Problemen und Emotionen geprägt ist.

Indem sie sich dies verdeutlichen und mit dem nötigen Wissen und der erforderlichen Geduld die einzelnen Phasen durchstehen, werden die Paare in die Lage versetzt, die für sie geeignetste Lösung zu finden.

Der Weg von der Bewusstmachung und Akzeptanz der Unfruchtbarkeit bis zu ihrer Lösung ist eine Achterbahnfahrt der Gefühle, die sich in vier Phasen einteilen lässt.

Phase I

Bewusstmachung und Akzeptanz, dass ein Problem existiert. In dieser Phase herrschen Gefühle wie Ärger, Verleugnung, Schuld, Vorwürfe, Selbstmitleid und Eifersucht vor.

Phase II

Bewertung und Diagnose des Problems. In diesem Stadium suchen die Paare nach Antworten. Die Untersuchungen, denen sie sich unterziehen, um die Ursache ihrer Unfruchtbarkeit herauszufinden, können zermür-bend, beängstigend und zeitraubend sein. Ist das Problem dann erkannt, erleben viele Paare Gefühle wie Schuld, Vorwürfe, Wut, Scham und Verlegenheit.

Phase III

Behandlungsbeginn. In diesem Stadium beherrschen die Unfruchtbarkeit und der Wunsch, ein Kind zu zeugen, das Leben des Paares. Der Stress erreicht seinen Höhepunkt und die Paare empfinden häufig Ärger, Frust, Angst und das Gefühl des Ausgeliefertseins. Diese Phase ist oft geprägt von grosser Hoffnung zu Beginn der Behandlung und depressiven Tiefs, wenn die Behandlung erfolglos bleibt.

Phase IV

Lösung des Sterilitätsproblems. Die Entscheidung, nach mehreren erfolglosen Versuchen mit der Behandlung aufzuhören, wird begleitet von Gefühlen wie Schmerz, Leere, Trauer, Erschöpfung und manchmal auch Erleichterung. Dies ist der Zeitpunkt, wo die Paare ihre Prioritäten neu überdenken und sich neue Ziele setzen können. Manche Paare entscheiden sich für eine Behandlungspause, andere für eine Adoption, wieder andere für ein Leben ohne Kinder.

Während all dieser Phasen ist es entscheidend, dass die Paare zusammenarbeiten und häufig gegenseitig Informationen austauschen.

Paare sollten (a) so viel wie möglich über Sterilität lernen, (b) verstehen, dass Gefühle wie Angst oder Depressionen normal sind in dieser Situation und (c) ihre Gefühle so häufig wie möglich mit anderen (Freunde, Familie, Selbsthilfegruppe, Berater) teilen.